Teil 2: Psychische Bewältigung nach Krankheit
Wie Menschen Krisen verarbeiten
Die psychische Bewältigung nach Krankheit ist ein Prozess, der weit über eine medizinische Behandlung hinausgeht. Denn eine schwere Diagnose oder ein plötzliches gesundheitliches Ereignis betrifft nicht nur den Körper, sondern auch Gefühle, Denken, Identität und Beziehungen. Sie ist ein tiefer Einschnitt in das Selbstverständnis, die Lebensplanung und das Gefühl von Kontrolle. Viele Menschen berichten, dass sie sich innerlich neu sortieren müssen – ein Vorgang, der Zeit, Verständnis und Unterstützung benötigt. Die psychologische Krankheitsverarbeitung verläuft selten geradlinig. Sondern sie besteht aus Phasen, die sich abwechseln, überschneiden oder wiederholen können.
Die wichtigsten Phasen der Krankheitsverarbeitung
Auch wenn individuelle Unterschiede groß sind, lassen sich typische Muster erkennen. Sie helfen zu verstehen, warum Belastungen auftreten und welche Coping-Prozesse bei schweren Erkrankungen eine Rolle spielen. Coping bedeutet die Art und Weise, wie Menschen Belastungen bewältigen. Also welche inneren und äußeren Strategien ihnen helfen, mit der Situation umzugehen.
Phase 1: Schock und Nicht-wahrhaben-Wollen
Der erste Moment nach einer Diagnose fühlt sich für viele an wie ein Zusammenbruch der bisherigen Wirklichkeit. Das Denken läuft verlangsamt oder nicht mehr klar. Viele können das Gesagte kaum aufnehmen. Diese Phase dient dem Schutz: Sie reduziert die emotionale Überforderung und verhindert, dass alles auf einmal bewusst wird. Rückblickend beschreiben Betroffene sie als „wie benommen“, „neben sich stehen“ oder „verkehrt in der Welt sein“.
Phase 2: Wut, Ablehnung, Protest und Ungerechtigkeitserleben
Sobald der Schock nachlässt, kommt häufig Wut. Wut auf den Körper, auf das Schicksal, auf die Situation. Warum ich? Viele erleben ein tiefes Ungerechtigkeitsgefühl. Auch Angehörige erleben diese Phase oft intensiv, da der Ärger sich manchmal gegen sie richtet – ein Ausdruck dafür, wie die gesamte Situation überfordert.
Phase 3: Rückzug, Verzweiflung und depressive Reaktionen
In dieser Phase wird sichtbar, wie sehr eine Erkrankung das Selbstbild erschüttert. Menschen fragen sich: Was bedeutet das für mein Leben? Werde ich jemals wieder so sein wie vorher?
So führt die psychologische Krankheitsverarbeitung in dieser Phase oft zu Traurigkeit, psychischer Erschöpfung und einem Verlust des inneren Antriebs. Dabei sind diese Stimmungen eine natürliche Reaktion auf eine tiefe Verunsicherung. Sie kann, muss aber nicht, ein Zeichen für eine depressive Störung sein.
Phase 4: Suchen, Verhandeln und Neuorientieren
Viele beginnen in dieser Phase, intensiv nach Erklärungen oder Lösungen zu suchen. Manche probieren alternative Wege aus, andere beschäftigen sich stark mit medizinischen Informationen. Der Mensch versucht, wieder Einfluss auf die Situation zu nehmen. Diese Phase wirkt manchmal ungeordnet oder widersprüchlich, ist aber Teil des inneren Ringens um Stabilität.
Phase 5: Akzeptanz, Anpassung und innerer Neubeginn
Akzeptanz bedeutet nicht Zustimmung oder Zufriedenheit. Sondern es bedeutet, die Realität anzunehmen und neue Wege zu entwickeln. Manche Veränderungen bleiben, andere werden allmählich leichter zu bewältigen. Entscheidungen werden wieder bewusster getroffen, Grenzen respektiert und vorhandene Ressourcen gezielter genutzt.
Bewältigungsformen
Unterschiedliche Wege, eine Krankheit zu verarbeiten
Neben den Bewältigungsphasen spielen unterschiedliche Bewältigungsformen bei schweren Erkrankungen eine wichtige Rolle. Menschen unterscheiden sich stark darin, wie sie Belastungen regulieren: Angelehnt an die „Berner Bewältigungsformen“ (BEFO; Heim et al.) lassen sich drei grundlegende Bewältigungsformen unterscheiden:
Handlungsbezogene Strategien
Manche Betroffene versuchen, Informationen zu meiden oder sich aktiv durch Hobbys abzulenken. Kurzfristig schützt das, langfristig kann es zu Problemen führen, wenn dadurch notwendige Schritte zur Genesung ausbleiben. Dazu gehören zum Beispiel ausweichendes Verhalten im Kontakt mit Ärzten, sozialer Rückzug oder ein „Zukleistern“ des Alltags mit Arbeit, Medienkonsum, Drogen oder Essen. Auf der anderen Seite gibt es Menschen, die die Erkrankung sehr aktiv angehen: Sie informieren sich gezielt, suchen das Gespräch mit Fachleuten oder vertrauten Personen und nutzen Entspannungs- oder Bewältigungstechniken, um besser mit der Situation umzugehen.
Kognitionsbezogene Strategien
Hier steht im Mittelpunkt, wie Betroffene über die Erkrankung denken und sie innerlich einordnen. Manche lenken sich bewusst mit anderen Themen ab. Andere versuchen die Krankheit zu akzeptieren und „das Beste daraus zu machen“. Wieder andere verharmlosen die Krankheit, spielen sie herunter oder versuchen sie vor der Umwelt zu verbergen und Haltung zu bewahren. Manche gehen die Situation sehr analytisch an und vergleichen sich mit Menschen, denen es noch schlechter geht. Manche finden Trost im Glauben oder versuchen einen Sinn in der Krankheit zu finden. Andere nutzen Humor, um die Situation erträglicher zu machen. Wieder andere fühlen sich durch unablässiges Grübeln ausgelaugt und finden kaum noch innere Ruhe. Manche Betroffene erinnern sich an frühere, gut bewältigte Krisen und gewinnen daraus Zuversicht: „Das habe ich damals geschafft, dann komme ich auch hierdurch.“
Emotionsbezogene Strategien
Viele Betroffene erleben starke Spannungen: Sie weinen, sind wütend oder lachen, um so kurz Erleichterung finden. Solche Reaktionen helfen, innere Anspannung abzubauen. Manche hadern und zaudern, verlieren sich in Selbstmitleid und Selbstbedauern. Andere drücken Gefühle weg, wirken gefühllos und sind dann selbst überrascht, wie wenig sie noch spüren. Es gibt auch Menschen, die mit Zuversicht und Hoffnung reagieren. Sie blicken nach vorn und hoffen auf einen guten Verlauf. Entlastend kann es sein, Vertrauen in die fachliche und menschliche Kompetenz des Arztes oder Behandlungsteams zu empfinden. Auf der anderen Seite stehen Mutlosigkeit und Aufgeben: Die Hoffnung sinkt, alles fühlt sich sinnlos an. Manche quälen sich mit Schuldgefühlen und haben das Gefühl, die Erkrankung selbst verursacht zu haben. Andere sind vor allem wütend auf Mitmenschen oder das Behandlungssystem, suchen nach Verantwortlichen und entladen ihre Wut auf Personen, denen sie Mängel in Betreuung, Unterstützung oder den Lebensumständen zuschreiben.
Warum professionelle Unterstützung hilfreich sein kann
Wenn Belastungen anhalten, Angst dominiert oder alltägliche Aufgaben überfordern, kann psychologische Hilfe die Bewältigung einer schweren Krankheit deutlich erleichtern.
Psychologische Unterstützung bietet:
- Struktur
- Entlastung
- neue Perspektiven
- konkrete Strategien
- Raum für Trauer und Unsicherheit
Studien zeigen, dass eine gelungene psychologische Krankheitsverarbeitung langfristig mit besserer Lebensqualität, geringerer seelischer Belastung und mehr Stabilität im Alltag verbunden ist.
Fazit – psychische Bewältigung ist ein Prozess
Die psychische Bewältigung nach Krankheit ist kein Ziel, das man einmal erreicht. Es ist ein fortlaufender Prozess, der Zeit, Verständnis und manchmal Unterstützung braucht.
Jeder Mensch hat sein eigenes Tempo, seine eigenen Strategien und auch unterschiedliche Rahmenbedingungen. Dazu gehören zum Beispiel finanzielle Möglichkeiten, unterstützende Bezugspersonen, Wohn- und Arbeitssituation, körperlicher Gesamtzustand sowie der Zugang zu medizinischer und psychotherapeutischer Versorgung. Diese Faktoren können entlasten oder zusätzliche Hürden schaffen.
Wichtig ist, sich Zeit zu geben, in sich hineinzuhören, auf die eigenen Bedürfnisse zu achten und Unterstützung zu nutzen. So kann Schritt für Schritt wieder mehr Stabilität in den Alltag kommen.
Auf einen Blick
Eine schwere Erkrankung bedroht Sicherheit, Selbstständigkeit und Planbarkeit. Das löst emotionale und kognitive Reaktionen aus.
Das variiert stark. Bei manchen Menschen klingen Angst, Anspannung oder Niedergeschlagenheit nach einigen Wochen wieder ab, bei anderen bleiben sie über Monate bestehen. Eine Rolle spielt unter anderem, ob es ein plötzliches Ereignis war, ob dauerhafte Schädigungen oder Einschränkungen zurückbleiben. Wichtig sind auch die Rahmenbedingungen (z. B. finanzielle Lage, soziale Unterstützung etc.) und ob die Erkrankung gut behandelbar ist oder eine fortschreitende oder lebensbegrenzende Erkrankung vorliegt.
Hinweise sind: ständiges Grübeln, intensive Angst, Rückzug, Schlafprobleme oder das Gefühl, festzustecken. Hier kann psychologische Hilfe entlasten.
Ja. Wut, Trauer, Überforderung oder Angst sind typische Gefühle einer psychologischen Krankheitsverarbeitung.
Hilfreich sind aktive, informationsorientierte und sozial eingebundene Stile. Vermeidungsverhalten kann kurzfristig entlasten, langfristig jedoch Probleme verstärken.
Wenn Belastungen anhalten, den Alltag beeinträchtigen oder das Gefühl entsteht, allein nicht weiterzukommen. Unterstützung ist ein zentraler Bestandteil gesunder Bewältigung.
Ausblick auf Teil 3
Psychische Hilfe nach Krankheit – wirksame Strategien für Stabilität und Orientierung
Im dritten Teil geht es um die Frage, wie Betroffene und Angehörige nach einer Erkrankung gut weiterleben können, ohne dass die Krankheit den Alltag vollständig bestimmt. Wir betrachten dort:
- welche Schritte Betroffene und Angehörige selbst gehen können, um im Alltag stabil zu bleiben
- wann psychische Unterstützung sinnvoll ist
- welche Unterstützungsmöglichkeiten es gibt
Quellen:
de Ridder, D. T. D., Geenen, R., Kuijer, R. G., & van Middendorp, H. (2008). Psychological adjustment to chronic disease. The Lancet, 372(9634), 246–255. https://doi.org/10.1016/S0140-6736(08)61078-8
Heim, E., Augustiny, K. F., Blaser, A., & Schaffner, L. (1991). Berner Bewältigungsformen (BEFO): Handbuch. Bern: Hans Huber.
Rechtlicher Hinweis: Die Inhalte dieses Blogs dienen der allgemeinen Information und persönlichen Anregung und ersetzen keine ärztliche oder psychotherapeutische Diagnose, Beratung oder Behandlung.
