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Angst bei Demenz – ein häufig übersehenes Phänomen

Angst bei Demenz gehört zu den emotionalen Erfahrungen, die im Verlauf vieler Demenzformen auftreten, ohne dass sie sofort erkannt wird. Während Gedächtnisverlust oder sprachliche Veränderungen früh ins Auge fallen, bleibt Angst oft im Hintergrund. Menschen mit Demenz äußern ihre Angst häufig nicht direkt, sondern über Veränderungen im Verhalten wie beispielsweise Unruhe, Rückzug oder Aggressivität. Diese Reaktionen, sind in der Regel kein Zeichen von „Empfindlichkeit“ oder „Widerstand“, sondern Hinweise auf ein inneres Gefühl von Unsicherheit, das eng mit den kognitiven Einschränkungen verbunden ist.

Angst als Teil eines größeren Komplexes

Angst bei Demenz tritt selten isoliert auf, sondern meist als Teil eines Bündels von neuropsychiatrischen Erscheinungen mit dem sperrigen Namen „Verhaltensbezogene und psychische Symptome der Demenz“ (BPSD Behavioral and Psychological Symptoms of Dementia).

Dazu gehören:
• emotionale Symptome (Angst, Depressivität, Reizbarkeit)
• Verhaltensänderungen (Agitation, Apathie, Aggression, Unruhe, Schlafstörungen, verändertes Essverhalten)
• Wahrnehmungsveränderungen (Wahnideen, Halluzinationen).

Fast alle Menschen mit Demenz entwickeln im Verlauf zumindest einige dieser Symptome. Angst ist also kein ungewöhnlicher Zusatz, sondern ein typischer Bestandteil des klinischen Bildes.

Woher kommt die Angst

BPSD, und damit auch Angst, gelten als Ergebnis eines Zusammenspiels aus Hirnveränderungen, Lebensgeschichte und aktueller Umgebung. Bildgebende Verfahren zeigen Veränderungen in Hirnregionen, die für Emotionsregulation und Selbstwahrnehmung wichtig sind. Biografische Faktoren wie frühere traumatische Erfahrungen oder eine ausgeprägte Neigung zu Ängstlichkeit erhöhen das Risiko. Hinzu kommen Umweltfaktoren: zu viel Lärm, zu wenig anregende Reize, ungünstige Kommunikation oder Erwartungen, die die vorhandenen Fähigkeiten übersteigen. Angst und Unruhe entstehen damit nicht aus dem Nichts, sondern aus einer komplexen Mischung neurobiologischer und psychosozialer Faktoren.

Warum das wichtig ist zu wissen

Wenn Angehörige verstehen, dass solche Veränderungen typisch für Demenzverläufe sind, dass Angst und Demenz miteinander verbunden sind, fühlen sie sich weniger persönlich angegriffen. Das kann Schuldgefühle mindern und eröffnet neue Möglichkeiten, mit dem Verhalten umzugehen.

Wie häufig ist Angst bei Demenz?

Angst ist eher die Regel als die Ausnahme

Studien berichten sehr unterschiedliche Zahlen, aber eines ist klar: Angst kommt bei Demenz sehr häufig vor. Je nach Untersuchung hat ein erheblicher Teil, in manchen Studien bis zu 82 %, der Betroffenen im Verlauf deutlich spürbare Angst- oder Unruhesymptome.

Warum die Angst so oft übersehen wird

Angst wird in der Praxis leicht übersehen, weil sie:
• fast nie in klaren Worten beschrieben wird
• häufig mit anderen Symptomen vermischt ist (z. B. Unruhe, Aggression, Rückzug)
• schnell als „schwieriges Verhalten“ eingeordnet wird.
Wenn man Angst als möglichen Hintergrund mitdenkt, werden viele Reaktionen nachvollziehbarer.

Die nonverbale Ausdrucksform von Angst

Viele Betroffene äußern Angst nicht direkt. Stattdessen zeigen sie Verhaltensweisen wie Rückzug, unruhige Bewegungen oder verstärkten Blickkontakt zur Umgebung. Diese nonverbalen Zeichen können subtil sein. Die Herausforderung besteht darin, diese Signale als Ausdruck emotionalen Erlebens zu erkennen.

Körpersprache

Die Körpersprache spielt eine wichtige Rolle. Auffällige Bewegungsmuster wie rastloses Hin- und Herlaufen, vermehrtes Nesteln, ein gespannter Gesichtsausdruck oder Aggressionen können auf innere Unruhe und Angst hinweisen. Auch fixierende oder suchende Blicke spiegeln Unsicherheit wider. Diese Signale sind Ausdruck eines Menschen, der versucht, Orientierung zu gewinnen.

Rückzug und Passivität

Nicht alle Menschen reagieren mit sichtbarer Unruhe. Manche ziehen sich zurück, meiden Blickkontakt oder sprechen weniger. Von außen wirkt dieser Rückzug leicht wie Desinteresse oder „Abwenden“. Dies ist jedoch häufig ein Hinweis auf Überforderung durch Reize oder durch die aktuelle Situation. Die Betroffenen entscheiden sich in der Regel nicht bewusst nach dem Motto „Ich reduziere jetzt sensorische Belastung“. Sie folgen eher einem diffusen Unbehagen: weniger Kontakt, weniger Eindrücke, weniger Anforderungen. Rückzug kann so als Schutzreaktion verstanden werden, der helfen soll, innere Anspannung zu senken – auch wenn dies den Betroffenen selbst nicht klar ist.

Überreaktionen und Reizempfindlichkeit

Bei einer Demenz verändert sich die Fähigkeit, Reize zu filtern. Geräusche, Bewegungen oder Berührungen werden nicht mehr einsortiert, sondern gelangen gleichzeitig und ungeordnet ins Bewusstsein. Dadurch können schon alltägliche Reize – ein zugeschlagener Schrank, mehrere Stimmen im Raum, eine plötzliche Berührung von hinten – zu starken Reaktionen führen. Das zeigt sich zum Beispiel durch Zusammenzucken, lautes Schimpfen, Wegschieben der Hand, Abwehr von Pflegehandlungen oder die Bitte, andere sollen „weggehen“ oder „ruhig sein“. Diese Reaktionen sind nicht Übertreibung im willentlichen Sinn, sondern Folge einer Überlastung des reizverarbeitenden Systems, das an seine Grenzen kommt.

Warum Angst bei Demenz entsteht

Veränderungen in der Wahrnehmung

Die Wahrnehmung verändert sich im Verlauf einer Demenz grundlegend. Viele Betroffene erleben Momente, in denen die Umwelt vertraut wirkt und im nächsten Augenblick fremd erscheint. Diese Brüche im Erleben verunsichern. Die Fähigkeit, Zusammenhänge zu erfassen, lässt nach, Situationen wirken weniger durchschaubar. Menschen mit Demenz spüren zunehmend, dass ihre Wahrnehmung nicht mehr zuverlässig funktioniert. Das erzeugt Angst und wird im Verhalten sichtbar.

Gefühle ohne Sprache

Mit dem Fortschreiten der Erkrankung fällt es schwerer, Gefühle sprachlich auszudrücken. Betroffene spüren, wenn etwas nicht stimmt, aber ihnen fehlen die Worte, um diese Empfindungen mitzuteilen. Dadurch treten Emotionen stärker über den Körper in Erscheinung: körperliche Anspannung, suchende Bewegungen oder ein prüfender Blick in die Umgebung. Angst wird so weniger als konkreter Gedanke erlebt, sondern als unspezifisches Warngefühl. Die fehlende Möglichkeit, über innere Vorgänge zu sprechen, vergrößert die Distanz zwischen innerem Erleben und äußerem Ausdruck und begünstigt so Missverständnisse.

Gedächtnis und Orientierung

Wenn die Orientierung nachlässt, wird die Welt schwerer einschätzbar. Bekannte Räume wirken fremd, Alltagssituationen verlieren ihre erkennbare Struktur, und Personen werden (zeitweise) nicht erkannt.Dieses veränderte Erleben erzeugt ein Gefühl des Kontrollverlusts. Kontrolle bedeutet nicht nur, Handlungen ausführen zu können, sondern auch die Welt interpretieren zu können und auf Situationen zu reagieren. Gleichzeitig speichert das Gedächtnis Informationen weniger zuverlässig. Selbst eine vertraute Umgebung kann irritierend wirken, wenn Erinnerungen an Orientierungspunkte brüchig werden. Wenn diese Fähigkeit eingeschränkt ist, entsteht schnell ein Gefühl von Überforderung. Angst ist hier die logische Folge eines Systems, das versucht, sich in einer unübersichtlicher werdenden Welt zurechtzufinden.

Fragmentierte Wahrnehmung der Umwelt

Betroffene erleben die Welt nicht mehr als durchgehenden Zusammenhang, sondern als eine Reihe von Einzelereignissen. Dinge „brechen auseinander“. Das kann zu emotionaler Instabilität führen, weil Zusammenhänge fehlen. Diese fragmentierte Wahrnehmung verstärkt das Gefühl der Unsicherheit und macht Angst wahrscheinlicher.

Medizinische Aspekte der Angst

Schmerzen

Nicht erkannte Schmerzen können Angst verstärken, besonders wenn sie nicht benannt werden können. Viele Betroffene zeigen Schmerzen über verändertes Verhalten, etwa vermehrte Unruhe, Abwehr oder Rückzug. Dieses Zusammenspiel erschwert die medizinische Einschätzung, macht sie aber umso wichtiger.

Infektionen

Infektionen können das Verhalten stark verändern. Sie erhöhen die körperliche Belastung und können emotionale Instabilität auslösen. In solchen Situationen treten Angst, Unruhe und Verwirrtheit häufig gemeinsam auf.

Medikamente

Medikamente können Neben- und Wechselwirkungen auslösen, die das emotionale Erleben beeinflussen. Diese Veränderungen werden dank der eingeschränkten Möglichkeiten Ängste auszudrücken häufig über das Verhalten sichtbar.

Auf einen Blick

Wenn Angst bei Demenz als Teil der Erkrankung verstanden und der Alltag Schritt für Schritt daran angepasst wird, kann mehr Sicherheit und Entlastung entstehen – für Betroffene und Angehörige.

– Angst bei Demenz tritt häufig auf und äußert sich oft durch Veränderungen im Verhalten, nicht direkt in Worten.
– Diese Angst gehört zu den psychischen Symptomen der Demenz und entsteht durch eine komplexe Mischung aus Hirnveränderungen und Umweltfaktoren.
– Veränderungen in der Wahrnehmung und Reizverarbeitung können zu einem Gefühl von Unsicherheit und Kontrollverlust führen.
– Symptome wie Rückzug oder Unruhe sind oft Ausdruck von Angst, die schwer zu erkennen ist.

Demnächst Teil 2:

„Angst bei Demenz lindern“
praktische Ansätze und Tipps

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